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Hans Wurst

Vor einiger Zeit lief im Radio eine Sendung über Vornamensänderung. So weit so gut. Da gibt es ja nun wirklich Exemplare, die großes Verständnis auslösen für den Wunsch, eine andere Identität anzunehmen. Exemplare, bei denen man sich ernsthaft fragt, was die Eltern im Sinn hatten, als sie sie ihren Sprösslingen für ein Leben lang mitgaben. Um so größer das allgemeine Erstaunen, als ein Zuhörer anrief und völlig überzeugend darlegte, er könne mit seinem Namen einfach nicht mehr leben und denke ernsthaft über eine Namensänderung nach. Auf die Frage des Moderators hin, wie dieser unzumutbare Vorname denn laute, antwortete der gute Mann: Hans. Nach einem Moment verwunderten Schweigens seitens des Moderators führte er dann weiter aus, sein Nachname sei allerdings Wurst. Er heiße also Hans Wurst.

Sicher, nach einem Augenblick der Überlegung wird es einem klar: Dieser Mann hat sich mit dem Moderator und den Zuhörern einen kleinen Scherz erlaubt. Warum aber funktioniert dieser Witz? Was ist an dem Namen Hans Wurst so viel lustiger als an anderen merkwürdig anmutenden Namen? Schließlich gibt es Nachnamen wie Schweinsteiger, Fickermann und Ochsenknecht, oder gar in der Doppelvariante wie Leutheusser-Schnarrenberger oder Jungnickel-Ostersetzer. Wurst nimmt sich da doch noch recht harmlos aus.

Mehr als nur ein komischer Name: Hans-Wurst

Mehr als nur ein komischer Name: Hans-Wurst

Dass man trotzdem schmunzeln muss, hängt mit den Assoziationen zusammen, die der Name Hans Wurst weckt. Jeder weiß, Hans Wurst (auch Hanswurst) nennt man einen Dummkopf oder Tölpel, der sich selbst mit Händen und Füßen im Wege steht. Tatsächlich ist Hans Wurst seit dem 16. Jahrhundert eine Figur der deutschsprachigen Stegreifkomödie. Der Name Hans Wurst erschien erstmals in einer mitteldeutschen Übersetzung des “Narrenschiff” von Sebastian Brant von 1519. In der Originalversion hieß er allerdings noch “hans myst”. Auf Wanderbühnen und beim Jahrmarkttheater verkörperte der Hans Wurst eine derb-komische Bauernfigur, die beim Publikum mit gewitzten Streichen, groben Zoten und anarchistischen Späßen große Beliebtheit erlangte.

Im 18. Jahrhundert machte der Pächter des Wiener Kärntnertortheaters, Josef Anton Stranitzky, den Hans Wurst in Anlehnung an den Harlekin der der italienischen Commedia dell’arte zur “deutschen komischen Figur”. Meist in Bauern- oder Dienerrollen persiflierte der Hans Wurst in den Zwischenspielen oder Pausen der damals beliebten parodistischen Haupt-und Staatsaktionen die gekünstelte und abgehobene Welt der Aristokratie. Um den sozialen Status der deutschen Komödie anzuheben, versuchte der Gelehrte Johann Christoph Gottsched in den 1730er Jahren zusammen mit der Schauspielerin Frederike Caroline Neuber, den Hans Wurst von den deutschsprachigen Bühnen zu verdrängen. Besonders in Wien stieß dies allerdings auf großen Unmut. Aus finanziellen Gründen konnte Neuber in ihrer Funktion als Prinzipalin einer Schauspieltruppe nie ganz auf den Einsatz des Hans Wurst verzichten. Zu beliebt war diese Figur beim Publikum. Dennoch ebnete dieser “Hanswurststreit” den Weg für die später aufkommenden Stadttheater des deutschen Bildungsbürgertums.

Neben der oben beschriebenen Funktion hatte der Name Hans Wurst allerdings auch Schimpfwortcharakter. Unter anderem verwendete Martin Luther den Begriff 1530 in seiner “Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg”. 1541 verfasste er die Streitschrift “Wider Hans Worst”, in der er seine Anschauungen und sein Lebenswerk resümiert und sich gegen den Herzog Heinrich von Braunschweig zu Wolfenbüttel zur Wehr setzte, der ihn vorher bezichtigt hatte, seinen Landesherrn Johann Friedrich I. von Sachsen einen Hans Wurst genannt zu haben.

Heutzutage ist uns Hans Wurst eigentlich nur noch als Beleidigung ein Begriff, weshalb sich der Herr im Radio auch einen Spaß daraus bereiten konnte, den Hörern weiszumachen, seine Eltern hätten ihn Hans Wurst genannt.